Aktuell
Niederschrift der Mitgliederversammlung am 2. April 2011 in Alzey, Rheinhessen-Fachklinik Alzey, TagungszentrumTeilnehmerliste: siehe Anlage 2 TOP 1 : 10 Uhr Eröffnung und Grußworte Der Vorsitzende Dieter Burgard begrüßt die etwa 60 Teilnehmer, die Gäste, darunter
Er gratuliert Herrn Elmar Ries, Christl.-Jüd. Gesellschaft für Brüderlichkeit Koblenz, zur Verleihung zur Verleihung des Pater-Paul-Eisenkopf-Preises Ende März. Grußworte sprechen:
TOP 2: Dieter Burgard 2001 bis 2011: Rückblick auf die Aktivitäten der LAG seit der Gründung Einleitend würdigt Burgard das Ergebnis der Landtagswahl, bei der eine höhere Wahlbeteiligung für die Rechtsextremen zu sinkenden Stimmenanteilen führte, und weist entsprechende Ergebnisse des Verfassungsberichts 2010 des Landtages hin.. Auf der 11. von der Landeszentrale für politische Bildung in Mainz organisierten Informationstagung "Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz“ wurde am 01. April 2001 die Gründung einer Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz beschlossen. Die Landesarbeitsgemeinschaft bündelt und stärkt die Gedenkarbeit in den rheinland-pfälzischen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen. Nach außen vertritt sie die Interessen der nicht durch das Land getragenen Gedenkstätten/ Initiativen. 19 Gründungsmitglieder schufen das das Netzwerk zur: Förderung eines landesweiten Informationsaustausches der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen untereinander. Initiierung und Erleichterung von Kooperationen bei Veranstaltungen zur örtlich-regionalen Erinnerungsarbeit. Meinungs- und Erfahrungsaustausch über inhaltliche und methodische Gemeinsamkeiten und Unterschiede, um das gemeinsame wie das jeweils eigene Profil klarer hervortreten zu lassen. Rat und Unterstützung der Mitglieder bei lokalen Konflikten oder Schwierigkeiten. Kooperation mit der für die staatliche Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz zuständigen Landeszentrale für politische Bildung. Funktion als Ansprechpartnerin für Politik, Wirtschaft und Medien für Fragen der nichtstaatlichen Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz. Vertretung der Interessen der nicht-staatlichen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen auf bundesweiten Gedenkstättentreffen und -konferenzen. Vermittlung von Kontakten und Austausch in verschiedenen Arbeitsbereichen (Pädagogik, Forschung, Archivierung, Ausstellungen) in enger Kooperation mit der Landeszentrale für pol. Bildung Rheinland-Pfalz. Stellungnahmen zu aktuellen Fragen im Zusammenhang mit der Erinnerungsarbeit in Rheinland-Pfalz und darüber hinaus, soweit sie Interessen der rheinland-pfälzischen Gedenkarbeit betreffen. Die 19 Gründungsmitglieder standen bei der Geburtsstunde vor einem großen Arbeitsfeld. .. Heute zählen 47 Mitglieder zur LAG. Zuletzt beigetreten sind der Bezirksverband Pfalz, das Unabhängige Kommunikationszentrum an der Uni Mainz und die Arbeitsgruppe Juden im Alzeyer Land. Das Spektrum der Mitglieder reicht von speziellen Gruppen und bis zu breit aufgestellten Organisationen, von Initiativgruppen mit einzelnen Mitwirkenden bis zu organisatorisch strukturierten Vereinigungen. Im Bundesvergleich ist die LAG Rheinland-Pfalz auf einem guten Weg. Die Gründungsväter waren: Hans-Georg Meyer, damals Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, und Thomas Lutz, Gedenkstättenreferent bei „Topographie des Terrors, Berlin, der die Initiative zu einer Bundesarbeitsgemeinschaft startete. Nach nunmehr10 Jahren ist die LAG bildlich gesprochen aus dem Grundschulalter herauswachsen, befindet sich in der Orientierungsstufe (Pubertät ) und wird langsam erwachsen. Dem ersten Sprecherrat 2001 bis 2003 gehörten an: Helene Gomse, Eberhard Berkemann, Eberhard Dittus, Heribert Fachinger, Joachim Hennig, Bernhard Kukatzki und Dieter Burgard Der Sprecherrat trifft sich etwa 4 bis 6mal im Jahr. Die jährlichen Mitgliederversammlungen sind mit den Informationstagungen der Landeszentrale für politische Bildung gekoppelt. Erste Themen waren der Umgang mit den Gedenktagen, das Landesarchivgesetz und Gründung einer Stiftung „ Gedenkstätten Rheinland-Pfalz. Die LAG koordiniert Aktivitäten der Mitglieder in Rheinland-Pfalz zu den Gedenktagen und publiziert sie zum 9. November, zum 27. Januar mit dem Landtag Rheinland-Pfalz, Mitwirkung bei der Gestaltung der Plenarsitzung des Landtages in Osthofen, Hinzert, Mainz, Klingenmünster, Synagoge Mainz, zum Europäischen Tag der jüdischen Kultur am 1. Sonntag im September, Schwerpunkte der Arbeit des Sprecherrates bildeten:
Zur Unterstützung der Gedenkarbeit erhält die LAG jährlich 8.000 € für den Fonds „Erinnern und Gedenken“. Von diesem Betrag fließt die Hälfte in Aktivitäten der Mitgliedsorganisationen, die Mittel nach den Richtlinien des Fonds beantragen können. Auf diese Weise werden vor Ort gefördert: Projekte, Erforschung und Veröffentlich von Biographien, Veranstaltungen mit Zeitzeugen, und vieles mehr. Bei der Form des Gedenkens durch das Projekt Stolpersteine von Gunter Demnig gab es Informationsbedarf. Die LAG lud daher zu zwei landesweiten Informationstreffen nach Trier (2009) und Ludwigshafen(2010). Auch für erste Stolpersteinverlegungen können die Mitglieder Zuschüsse erhalten. Weitere Arbeitsbereiche waren:
Mit der Homepage www.lagrlp.de ist die LAG ins Netz gegangen. Die Homepage dient als Plattform für Veranstaltungshinweisen der LAG, aber auch zur Präsentationen der Arbeit der Mitgliedsorganisationen. Gearbeitet wird an einer Chronologie der NS-Ereignisse vor Ort. Fazit nach 10 Jahren: Wenn es sie heute nicht gäbe müsste die LAG jetzt gegründet werden Der Vorsitzende dankt den Geburtshelfern und Partnern der Landeszentrale für politische Bildung und wünscht für die Zukunft weiterhin sehr viele, auch jüngere Aktive, denn auch in Zukunft schwindet nicht die Bedeutung unserer Arbeit für die Achtung der Menschenrechte im Bewusstsein dessen was war, aber auch wieder sein könnte. TOP 3: Dr. Thomas Lutz, Stiftung Topographie des Terrors, Berlin „Aktuelle + zukünftige Bedeutung hist. Orte zur NS-Zeit im Übergang von der Zeitgeschichte zur Geschichte“ Traditionelle Formen der Erinnerung widmeten sich denjenigen, die in eigener Sache, für das eigene Volk und Vaterland, den feindlichen Handlungen von Gegnern zum Opfer fielen. Dem gegenüber nimmt Gedenkarbeit heute die gegenseitige Bedingtheit in den Blick und legt damit eine Basis für gegenseitiges Verstehen und für Aussöhnung. Bei den verfolgten Gruppen wird nicht nur nach den damaligen Ausgrenzungsprozessen gefragt, sondern auch nach der Entwicklung ihrer Lebenssituationen bis heute, bestimmt durch individuelle, gesellschaftliche und politische Faktoren (z.B. Anerkennung als Opfergruppe). Betrachtet wird die europäische Verfolgungsgeschichte, nicht nur die deutsche. Inzwischen hat sich die Zielgruppe von der aussterbenden Generation der Zeitzeugen auf die Enkelgeneration verschoben. Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen beschrieb Dr. Lutz als zwei Säulen der Gedenkarbeit. Unter dem Leitspruch „Grabe, wo Du stehst“ haben sich von Schweden aus lokale Geschichtswerkstätten verbreitet, die sich Geschehnissen und Schicksalen vor Ort beschäftigen. Kleine Gruppierungen, oft auch einzelne Personen, ergänzen die professionelle Arbeit der Gedenkstätten, in dem sie sich mit dem Alltag der Verfolgten und ihrer Verarbeitung danach befassen. Gerade diese Initiativen hätten sich in den letzten Jahrzehnten durch ortsbezogene Geschichtsvermittlung profiliert. Nach dem schwedischem Motto hätten bürgerschaftlich Engagierte in vielen Orten die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit erzwungen. Dabei erführen sie wachsende Anerkennung als Partner der (Kultur)Politik. Sie leisteten wirkliche Versöhnungsarbeit, indem sie die Erinnerung an „die Anderen“, die Ausgegrenzten und Ausländer(innen) – Zwangsarbeiter(innen), Kriegsgefangene, Opfer der NS-Zwangssterilisation und der Krankenmorde – wach hielten. Damit hätten sie zur Öffnung unserer Gesellschaft hin zu einem demokratischen und pluralistischen Gemeinwesen beigetragen. Dieses wertvolle Engagement werde leider von der Politik insgesamt noch zu wenig finanziell gefördert. Zukünftige Aufgaben der Erinnerungsarbeit sah Lutz in dem nötigen Wissenstransfer der älteren, erfahrenen Aktiven hin zur jüngeren Generation und dem vorhandenen Fort- und Weiterbildungsbedarf der Gedenkarbeiter(innen). Auch angesichts einer sich verändernden, immer multikultureller werdenden Gesellschaft bestünde Bedarf an einer praxisbegleitenden Reflexion und Supervision der Aktiven. TOP 4: Vorstellung neuer LAG-Mitglieder. Unabhängiges Kommunikationszentrum an der Uni Mainz e.V. (Haus Mainusch): Herr Hons Arbeitsgruppe Juden im Alzeyer Land im Altertumsverein Alzey und Umgebung e.V.: Renate Rosenau, Alzey, und Gerhard Holzer, Wendelsheim Bezirksverband Pfalz (Dr. Ruth Ratter, Werner Stoeckle) - Homepage: http://www-bv-pfalz.de TOP 5: Ausblick 2011. Hinweis auf Europäischer Tag der jüdischen Kultur am Sonntag, 4. September 2011, Thema: ETKJ 2.O: Die Zukunft im Blick (Facing the Future): neue Möglichkeiten der Hervorhebung und Präsentation von Kultur und Erbe des Judentums Zu Fortbildungen (Westwall, Weg der Erinnerung, u.,a), folgen eigene Einladungen. TOP 6: Niederschrift der Wahl des Sprecherrats der LAG am 2. April 2011 in Alzey Vorbemerkungen: zum Wahlleiter wurde Uwe Bader (LpB/ Referatsleiter 2 – Gedenkarbeit in Osthofen und Hinzert) ernannt ? er vertritt kein Mitglied in der LAG, ist somit nicht stimmberechtigt und unparteiisch ein Vertreter pro Mitgliedsorganisation darf abstimmen ? die anwesenden Vertreter sind über eine Anwesenheitsliste erfasst worden die Mitgliederversammlung der LAG hat sich auf eine offene Wahl durch Handzeichen geeinigt; die Beisitzer werden en bloc gewählt Wählerverzeichnis, Stimmrecht, Stimmenzahl: Anlage 5 (wird getrennt verteilt) Stimmberechtigt ist je ein Vertreter der Mitgliedsorganisationen.Anwesend sind 30 Mitgliedsorganisationen (siehe Liste), das entspricht der Stimmenzahl. Wahl des Vorsitzenden: Vorschlag: Kandidatur des amtierenden Vorsitzenden Dieter Burgrad (Förderverein Gedenkstätte KZ Hinzert e.V.) Dieter Burgard einstimmig gewählt, keine Enthaltungen Dieter Burgard nimmt die Wahl an Wahl des stellvertretenden Vorsitzenden: Vorschlag: Kandidatur des amtierenden Stellvertretenden Vorsitzenden Joachim Hennig (Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.) einstimmig gewählt; eine Enthaltung Joachim Hennig nimmt die Wahl an Wahl der Beisitzer: en bloc-Abstimmung bisher 5 Beisitzer Hans-Eberhard Berkemann (Förderverein Synagoge Bad Sobernheim e.V.) Eberhard Dittus (Förderverein Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt e.V.) Heribert Fachinger (Förderverein Projekt Osthofen e.V.) ? wird nicht wieder kandidieren Renate Rosenau (Arbeitsgruppen NS-Psychiatrie in Alzey und Sayn und AG Juden im Alzeyer Land Thomas Zuche (AK Trier im Nationalsozialismus der Arbeitsgemeinschaft Frieden e.V.) zur Wahl treten an: Hans-Eberhard Berkemann Ramona Dehoff (Förderverein Projekt Osthofen e.V.) Eberhard Dittus Christof Pies (Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V.) Renate Rosenau Joachim Stöckle (Bezirksverband Pfalz) Thomas Zuche Beschluss der Mitgliederversammlung zur Erweiterung der Beisitzer nach Zif.6. Nr. 1 der Richtlinien (Erhöhung von 5 auf 7). alle Kandidierenden werden mehrheitlich gewählt; keine Gegenstimmen; 2 Enthaltungen alle Gewählten nehmen die Wahl an. Verzeichnis des Sprecherrates 2011 - 2013: Anlage 6 Wahlniederschrift: Ramona Dehoff für die Niederschrift (außer Wahlniederschrift): Renate Rosenau mit Verwendung von Texten von Ramona Dehoff und Thomas Zuche Anlagen: Einladung Teilnehmerliste (getrennt verteilt) Grußwort Dr. Guth Landtagspräsident v 2.4.2011 Forschungen NS-Psychiatrie Wählerverzeichnis (getrennt verteilt) Mitglieder des Sprecherrats 2011 – 2013 Anlage 1: Einladung zur Doppelveranstaltung „10 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten- und Erinnerungsinitiativen zur NS- Zeit in Rheinland-Pfalz“ und 29.Informationstagung zur Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz in Alzey, Rheinhessen-Fachklinik , Tagungszentrum, am Samstag, den 2. April 2011 10 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten- und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz
Anlage 3 Grußwort Dr. med Wolfgang Guth, Medizinischer Direktor der Rheinhessen-Fachklinik Alzey 10 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten- und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz und 29. Informationstagung zur Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz Sehr geehrte Anwesende, zu Ihrer Doppel- Veranstaltung "10 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten- und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz und 29. Informationstagung zur Gedenkarbeit heiße ich Sie als Ärztlicher Direktor in der Rheinhessen-Fachklinik Alzey ganz herzlich willkommen. Stellvertretend für Sie alle, Frau Renate Rosenau mit ihrer Arbeitsgruppe NS-Psychiatrie in Alzey. Solche Tagungen sind von hoher Bedeutung, damit das Gedenken an die grauenvollen und unvorstellbaren NS-Taten nie verloren geht. Wann immer ich mich mit diesen Situationen beschäftige, bleibe ich an der Tatsache hängen, dass die durchführenden Psychiater offensichtlich Menschen in einer ähnlichen Funktion wie ich waren und dann komme ich nicht mehr weiter. Sie mussten doch, gerade was ihre Berufswahl anging, gerne mit psychisch Kranken arbeiten und keiner hat sie zu ihren fürchterlichen Handlungen gezwungen! Wir haben zur Erinnerung an die Euthanasie ein Denkmal errichtet, welches Sie gerne besichtigen können. Im August 1999 fand zum ersten Mal nach dem Krieg ein Weltkongress für Psychiatrie in Deutschland, genauer gesagt in Hamburg statt. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Nationalsozialismus und nach 10-jähriger Vorbereitung. So tief saß das Misstrauen der ausländischen Psychiater gegenüber der Deutschen Psychiatrie nach den unvorstellbaren Vorgängen im Dritten Reich. Auch in der Nachkriegszeit bis in die 60er, 70er Jahre hinein hat sich unsere Gesellschaft, was die Betreuung psychisch Kranker angeht, nicht gerade hervorgetan. Es bestand eine duale Versorgung auf der einen Seite ambulant durch den niedergelassenen Nervenarzt, auf der anderen Seite stationär durch psychiatrische Großkliniken, die zum Auffangbecken wurden für alle Menschen, die mit der Gesellschaft nicht mehr zurecht kamen oder umgekehrt. Die Universitätskliniken unterwarfen sich keiner Versorgungspflicht, behandelten ausgewählte Patienten unter Hinweis auf die Forschung. Die psychiatrischen Großkliniken waren überfüllt, die räumlichen Verhältnisse katastrophal, die Personalausstattung gemessen an dem, was auch schon zu diesem Zeitpunkt hätte gemacht werden müssen, geradezu ein Hohn. Viele heute noch resultierende Vorurteile haben hier für die damalige Zeit durchaus ihre realistische Wurzel. Die hier nur kurz geschilderten katastrophalen Zustände führten zu einer Untersuchungskommission des Deutschen Bundestages, die 1975 die so genannte Psychiatrie-Enquete veröffentlichte, welche die „Jahrtausendwende“ in der deutschen Psychiatrie darstellt. Zum ersten Mal tauchen Begriffe wie Gleichheit zwischen psychischen und somatischen Erkrankungen, Begriffe wie Gemeindenähe und Rehabilitation auf. Die flächendeckende Umsetzung dieser in der Psychiatrie-Enquete geforderten Veränderungen ließ lange auf sich warten. Die schleppende Umsetzung der Enquete–Forderungen führte aber auch dazu, dass eine ganze Generation sozialpsychiatrisch orientierter Psychiater sich dieser Umsetzung annahm und je nach Bundesland mehr oder weniger mit Hilfe der zuständigen Politiker verwirklichte. Einen weiteren Fortschritt in der Entwicklung brachten dann die Ergebnisse der Expertenkommission von 1988, die die Basis auch unseres gemeindepsychiatrischen Konzeptes darstellen. Die Entwicklung einer zeitgemäßen psychiatrischen Versorgung ist bundesweit, spätestens seit den Expertenkommissionsempfehlungen von 1988, geprägt durch folgende Schlagworte: Verlagerung der stationären Therapie von einem Großkrankenhaus auf regionale Versorgungskliniken Aufbau teilstationärer und ambulanter Versorgungsangebote als Alternative zur stationären Versorgung "ambulant vor stationär" Enthospitalisierungsangebote für Langzeitpatienten und Übergang ins Betreute Wohnen und kleinere Heimeinrichtungen Regionale Pflichtversorgung aller beteiligten Institutionen Schaffung von kommunalen Verbünden und Umsetzung des persönlichen Budgets für alle chronisch psychisch Kranken Die hier nur grob formulierten Schlagworte bilden die Grundlage der Entwicklungsplanung aus Sicht der Rheinhessen-Fachklinik für die von ihr versorgten Gebiete. 1977 hatte die Klinik etwa 830 Betten in der Erwachsenenpsychiatrie. Zurzeit sind durchschnittlich etwa 244 Betten in den Stationen der Erwachsenenpsychiatrie belegt. Dazu kommen etwa 100 Heimplätze noch auf dem Klinikgelände. Die Verringerung der psychiatrischen Patientenzahl auf dem Gebiet der Rheinhessen-Fachklinik ist entstanden durch die Einrichtung von gemeindenahen Abteilungen, hier vorwiegend Idar-Oberstein und Simmern, sowie die Übernahme der Versorgungspflicht für die Stadt Mainz durch die Uni-Klinik Mainz. Darüber hinaus ist zu erwähnen die Einrichtung von außerklinischen Betreuungsformen wie Betreutes Wohnen, Tagesstätten und Tageskliniken im Rahmen der Umsetzung der Sozialpsychiatrie. Das Einzugszugsgebiet hat sich von 840.000 Einwohnern 1976 auf ca. 450.000 in 2007 verringert. Als Kompensation wurden in der Klinik weiterhin neue Angebote errichtet wie z.B. Kinder- und Jugendpsychiatrie, Neurologische Frührehabilitation, Stroke Unit sowie Kinderneurologie und Angebote in Mainz. Die Zahl der Aufnahmen verdreifachte sich etwa, dementsprechend verringerte sich die Verweildauer im Zeitraum von 1983 bis heute von 61 auf durchschnittlich 20 Tage. In diesen Zahlen dokumentiert sich deutlich die Entwicklung von der Anstalt zur Fachklinik. Der Übergang der früheren Landesnervenklinik in die Trägerschaft des Landeskrankenhauses – Anstalt des öffentlichen Rechtes – hat in dieser Entwicklung, vor allem was den Aufbau teilstationärer Einrichtungen in Trägerschaft der Klinik angeht, einen erheblichen Fortschritt gebracht. Wie oben schon erwähnt, nehmen wir für unsere Planungen die Expertenkommissionsempfehlungen von 1988 und des PsychKG Rheinland-Pfalz als Basis und versuchen, diese den regionalen Gegebenheiten angepasst in einem vernünftigen Maße umzusetzen. Die früheren Großkrankenhäuser entwickeln sich zu Behandlungs-zentren mit verschiedenen Fachrichtungen u.a. eben auch regional versorgenden psychiatrischen Abteilungen. Oder wie es im Psychiatrieplan Rheinland -Pfalz von 2001 heißt : „Die Krankenhäuser sind durch die Beschränkung auf die regionale psychiatrische Versorgungsverantwortung zu einer fachlich und wirtschaftlich vertretbaren Größe zu verkleinern.“ Damit sind die Forderungen der Expertenkommissionsempfehlungen von 1988 erfüllt, es geht darum, jetzt die Entwicklung weiter fortzuführen, vor allem was die Entmythologisierung von psychisch Kranken angeht. Wir haben bisher die Verwahrpsychiatrie umgewandelt in die Sozialpsychiatrie, die Gemeindenahe Psychiatrie, jetzt wollen wir die Exklusion in die Inklusion umwandeln. Beides Begriffe von Herrn Dörner geschaffen. Wenn wir also weiterhin wohn- und tagesstrukturierende Maßnahmen für psychisch Kranke und Behinderte schaffen, dann i.S. von in die Norm integrierten Maßnahmen. Es muss z.B. nicht besondere Wohnformen für psychisch Behinderte geben, es reicht grundsätzlich der Begriff Wohnung; möglicherweise Betreute Wohnung. In diesem Sinne fungieren die Tageskliniken, die Tagestätten, die Institutsambulanzen sowie eine neue klinische Behandlungsform das s.g. Home-Treatment bei uns "stattkrankenhaus" genannt, eine Form von stationärer Akutbehandlung aufsuchend in der Wohnung des Patienten. Sie mögen mir verzeihen, wenn ich etwas ausführlicher über die Situation der Psychiatrie berichtet habe, aber es ist unser Arbeitsfeld, es gibt eine grauenvolle NS- Vergangenheit, aber es hat sich unglaublich viel in den letzten Jahren verändert. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche eine gelungene Veranstaltung. Anlage 4: Aufruf des Landtagspräsidenten, der besseren Lesbarkeit wegen HIER als PDF-Download Mitgliederversammlung - 10 Jahre LAGGedenkarbeit: ein wertvoller Beitrag zur humanen Gesellschaft Bürgerschaftliches Engagement vor Ort zwingt zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Mehr als fünfzig Ehrenamtliche in der rheinland-pfälzischen Gedenkarbeit sowie Vertreter der Politik trafen sich Anfang April in Alzey zur Mitgliederversammlung und Jubiläumsfeier der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz. Die LAG feierte ihr zehnjähriges Bestehen in der Rheinhessen-Fachklinik Alzey, wo von 1940 an in der Nazi-Diktatur über 450 Patienten zur Tötung deportiert wurden. Positiv ist nach der Wahl zum Landtag auch fest zu halten, dass Rechtsextreme 30% ihrer Stimmen im Land verloren und nun insgesamt bei 1,9 Prozent liegen. Partner und „ Geburtshelfer “ vor 10 Jahren war die Landeszentrale für politische Bildung, deren Direktor Dr. Dieter Schiffmann gemeinsam mit dem Gedenkstättenreferent Uwe Bader zu den Gratulanten gehörten. Das Hauptreferat der Tagung hielt Dr. Thomas Lutz von der Stiftung „Topographie des Terrors“, Berlin. Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen sah er als zwei Säulen der Gedenkarbeit. Gerade die Initiativen hätten sich in den letzten Jahrzehnten durch ortsbezogene Geschichtsvermittlung profiliert. Nach dem schwedischem Motto „Grabe, wo Du stehst“ hätten bürgerschaftlich Engagierte in vielen Orten die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bewirkt. Dabei erfahren sie wachsende Anerkennung als Partner der Politik. Sie leisteten wirkliche Versöhnungsarbeit, indem sie die Erinnerung an „die Anderen“, die Ausgegrenzten wach hielten, so an Frauen, Männer und Kinder die als Ausländer, Bürger jüdischen Glaubens, Künstler, bekennende Christen, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Homosexuelle oder politische Widerständige verfolgt waren. Damit tragen sie zur Öffnung unserer Gesellschaft hin zu einem demokratischen und pluralistischen Gemeinwesen bei. Zukünftige Aufgaben der Erinnerungsarbeit sah Lutz in dem nötigen Wissenstransfer der älteren, erfahrenen Aktiven hin zur jüngeren Generation und dem vorhandenen Fort- und Weiterbildungsbedarf. Angesichts einer sich verändernden, immer multikultureller werdenden Gesellschaft bestünde auch Bedarf an einer praxisbegleitenden Reflexion und Supervision der Aktiven. Nach dieser inhaltlichen Arbeit begrüßten die Versammelten drei neue Mitgliedsorganisationen in ihrer Runde: den Bezirksverband Pfalz, das Unabhängige Kommunikationszentrum an der Uni Mainz e.V. und die Arbeitsgemeinschaft „Juden im Alzeyer Land“. Ebenfalls drei Neue wurden in den Sprecherrat der Landes-AG gewählt: Ramona Dehoff vom Förderverein Projekt KZ Osthofen e.V., Christof Pies vom Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V. und Joachim Stöckle vom Bezirksverband Pfalz. Wiedergewählt wurde neben Dieter Burgard (Förderverein Gedenkstätte KZ Hinzert e.V.) als Vorsitzendem auch sein Stellvertreter, Joachim Hennig (Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.). Für Kontinuität bürgen auch die gewählten Beisitzer Hans-Eberhard Berkemann (Förderverein Synagoge Sobernheim), Eberhard Dittus (Förderverein „Gedenkstätte für die NS-Opfer in Neustadt e.V.“), Renate Rosenau (AG Psychiatrie im Nationalsozialismus Alzey sowie AG Juden im Alzeyer Land ) und Thomas Zuche (AK „Trier im Nationalsozialismus“ der AG Frieden e.V.). Sie alle stehen dafür, dass die Gedenkarbeit in den verschiedenen Regionen von Rheinland-Pfalz verankert ist und kompetent auf Landesebene vertreten wird. Der neue Sprecherrat der LAG (von vorn links nach hinten rechts): Joachim Hennig, stellvertretender Vorsitzender, Förderverein Mahnmal Koblenz e.V.; Dieter Burgard, Vorsitzender, Förderverein Dokumentations- und Begegnungsstätte ehemaliges KZ Hinzert; Hans-Eberhard Berkemann, Beisitzer, Förderverein Synagoge Bad Sobernheim e.V.; Renate Rosenau, Beisitzerin, Arbeitskreis NS-Zeit an der Rheinhessen-Fachklinik Alzey; Ramona Dehoff, Beisitzerin, Förderverein Projekt Osthofen e.V.; Joachim Stöckle, Beisitzer, Bezirksverband Pfalz; Eberhard Dittus, Beisitzer, Förderverein Gedenkstätte für NS-Opfer in Neustadt/Weinstraße e.V.; Thomas Zuche, Beisitzer, AG Frieden Trier; Christof Pies, Beisitzer, Synagogenverein-Förderverein Laufersweiler/Hunsrück e.V. Foto oben: Dieter Burgard - Dr. Thomas Lutz - Dr.Dieter Schiffmann - Uwe Bader |
